Jugend-Krimi - Lesealter 10-15 Jahre

Jugend-Krimi Buchcover: Agrippina-News - ein echt mieser Plan, von Antje Hansen 2017

Neuerscheinung

 

Agrippina-News, ein echt mieser Plan

Der zweite Fall für die Redakteure der Schülerzeitung

 

Erpressung. Fake-News. England.

Auf Klassenfahrt in das englische Küstenstädtchen Worthing schliddern David, Heidi, Marie und Rufus in ein neues Verbrechen. Der beliebte Serienstar Giselle Paradiso wird erpresst, und plötzlich haben die vier jungen Redakteure einen Rucksack mit 25.000 Euro am Hals. Außerdem ist das neue Redaktionsmitglied Agrippina, die römische Ex-Kaiserin, spurlos verschwunden. Entspannte Ferien sehen anders aus …

 

 

Ein Jugend-Krimi mit viel englischem Lokalkolorit von Antje Hansen.

Weitere Themen: Fake-News, Pressefreiheit, Soziale Medien, Brexit.

Psst Hörmal Verlag, Köln, Erstausgabe Juli 2017

  • Taschenbuch (182 Seiten Spannung)                                         ISBN: 978-3-946506-05-8, 9.95 €
  • Als Ebook bei vielen Ebook-Anbietern, 6,99 €

 

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Lesermeinungen

 

Leseprobe Agrippina-News, ein echt mieser Plan

I

Mittwoch, 28. September

 

Nachmittags in der Kölner Innenstadt:

Erleichtert lässt sie die sündhaft teure Trophäe in ihre Handtasche gleiten und fährt mit schweißnasser Hand durch die schwarzen Strähnen der Perücke. Ein nervöses Lächeln umspielt ihre perfekt geformten Lippen. Die Hochstimmung, die sie durch die Regalreihen der Parfümerie getragen hat, ebbt ab.

Durch die Schildergasse, Kölns bekanntester Einkaufsstraße, schieben sich Menschenmassen im Feierabendbetrieb und auf Schnäppchenjagd.

Das war leichtsinnig, denkt sie. Aber der Nervenkitzel und der damit verbundene Adrenalinstoß versetzen sie bei jedem Diebstahl in einen Rausch mit Suchtfaktor, auf den sie nicht verzichten will.

Ihre Kopfhaut kribbelt. Verdammte Perücke! Sie hält inne, beobachtet verstohlen die Umgebung. Im Vorbeigehen wirft sie einen bewundernden Blick auf die gegenüberliegende Kaufhausfront. Umrahmt von einem Kranz langer, schwarzer Wimpern blicken Giselle Paradisos himmelblaue Augen auf die Passanten herab. Und auf die ebenmäßigen weißen Zähne, die sie beim Lächeln zeigt, wäre jeder Kiefernorthopäde stolz. Eine goldblonde Lockenmähne rundet die Ähnlichkeit mit einem Weihnachtsengel ab.

Die Stadt hängt voll mit diesem Plakat. Glossy24, einer der marktführenden britischen Kosmetikkonzerne, macht mit ihrem Gesicht Reklame für eine revolutionäre Wimperntusche. Die Gage hat ihrem Bankkonto ein dickes Plus eingebracht.

Wenn die Pressetypen spitzkriegen, dass der Publikumsliebling und Star der Kult-Krimiserie Mordseeküste klaut? Nein, dazu sind diese Schmierfinken zu doof, überlegt sie, während sie ihre Aufmachung in der Schaufensterscheibe eines Schuhgeschäftes checkt; unförmiger Parka und schäbige Cordhosen, die in klobigen Boots stecken. Zwar kribbelt die Kopfhaut unter der Perücke wieder, aber ihre Tarnung ist perfekt. In dem Outfit erkennt sie kein Mensch.

Durch kühlen Nieselregen hastet Giselle in Richtung U-Bahn Haltestelle Neumarkt.

Den verächtlichen Blick des Mannes, der ihr seit Stunden folgt, bemerkt der Serienstar nicht. Er steckt sich einen Sonnenblumenkern in den Mund, kaut. Starrt auf das Foto, das er vor wenigen Minuten in der Parfümerie gemacht hat. Sein Mund verzieht sich zu einem triumphierenden Grinsen. Dann spuckt er die Schale in den Rinnstein. Zufrieden verstaut er das Smartphone in seiner Jackentasche, zieht den Schirm der Baseballkappe tiefer in die Stirn. und eilt hinter ihr her.

 

Zur selben Zeit bei mir zu Hause:

An der Agrippina Gesamtschule ist mittwochs normalerweise um vier Uhr Schluss. Aber heute ist die letzte Stunde ausgefallen. Einerseits klasse, denn eigentlich sollte ich ein Referat in Geschichte halten, das noch nicht ganz fertig ist. – Um ehrlich zu sein, ich habe bisher nicht mal damit angefangen. – Andererseits aber ziemlich blöd, weil es wie aus Eimern schüttet.

Ich schwinge mich auf mein Mountainbike und gebe Gas. Radele das Sträßchen hinter der Schule entlang durch ein kleines Wäldchen, vorbei an der Pferdekoppel. Mein Schulweg beträgt 672 Meter von der Haustür bis ins Klassenzimmer der 8c. Das habe ich letztes Jahr in einer Anwandlung von Pingeligkeit ausgemessen.

Als ich klatschnass zu Hause ankomme und in mein Zimmer gehe, fläzen sich Agrippina, die römische Ex-Kaiserin, und mein Kater auf dem Bett herum. Beide gähnen mich müde an. Ich glaube nicht, dass sie sich seit dem Frühstück mehr als einen Meter bewegt haben.

Für den Hinweis: „Leute, es ist Nachmittag! Wie wär‘s mit Aufstehen?“, ernte ich nur gelangweiltes Augenblinzeln.

„Na und? Es regnet!“, grunzt Agrippina. Sie klemmt sich eine verfilzte rotbraune Locke hinter das Ohr und deutet auf ihr fleckiges Schlafshirt. „Außerdem habe ich nichts anzuziehen, David“, bemerkt sie anklagend.

Ich öffne den Kleiderschrank, werfe ihr meine Jogginghose und ein Sweatshirt zu. „Rufus, Heidi und Marie kommen nachher!“, sage ich, schnappe mir meinen Lieblingspulli, der frisch gewaschen im Regal liegt und gehe ins Bad. Dort steige ich aus dem nassen Zeug und schlüpfe in trockene Klamotten. „Ich hab Hunger! Wollt ihr auch?“

„Logo! Was gibt’s denn?“, krakelt Agrippina.

Endlich kommt Bewegung in die beiden Pennsusen. Sie stehen auf und trotten Richtung Küche, wo Agrippina an und Kater Carlo auf der Küchentheke Platz nehmen. Erwartungsvolle blinzeln sie mich an.

Na toll! Jetzt darf ich nach einem anstrengenden Schultag auch noch Koch und Kellner für die verfresse Miezekatze und die olle Giftmischerin spielen. – Bloß gut, dass Papa unterwegs ist und erst morgen von seiner Dienstreise zurückkommt, denke ich amüsiert.

Mein Vater ist Historiker mit dem Spezialgebiet Römische Geschichte. Er arbeitet als Berater für verschiedene Museen und verehrt die zweitausend Jahre alte ehemalige Kaiserin sehr. Aber wenn er wüsste, dass sie leibhaftig in unserer Küche sitzt und auf einen Imbiss wartet, würde er tot umfallen, soviel steht fest.

Uns ist es zumindest fast so ergangen, als Agrippina vor zweieinhalb Monaten aus ihrer roten Qualmwolke stieg und unser bisheriges Leben komplett durcheinander brachte. Erst nachdem wir die Sommerferien gemeinsam in der Eifel verlebt und dabei die Einbrecher der Kölner Domschatzkammer geschnappt haben, ist uns die knubbelige Frau mit der Kreissägenstimme ans Herz gewachsen. Wir haben uns geschworen, ihre Existenz geheim zu halten; ebenso die magischen Kräfte ihrer Amulette und der antiken Agrippina-Büste, die im Foyer unserer Schule steht. Ganz zu schweigen von ihrer Qualmwolke, einem Zeit-Perpetuum-Mobile, das sie einer Mischung aus römischer Bildhauerkunst, vestalischer Magie und der Formula Secreta einer altägyptischen Geheimgesellschaft verdankt. Der Spaß kostete sie damals eine kleine Karawane voll Gold und zwei ihrer Lieblingssklavinnen, wie sie uns erzählte. – Aber davon abgesehen, würde uns sowieso jeder für total bekloppt halten, wenn wir damit rüber kämen, dass die römische Ex-Kaiserin Agrippina in meinem Zimmer wohnt, schokoladensüchtig ist und bei unserer Schülerzeitung mitmischt. – Was ich wirklich niemandem verübeln würde.

Besagte römische Ex-Kaiserin angelt gerade eine Tafel ihrer heißgeliebten Vollmilch-Nuss aus dem Vorratsschrank und schlägt die Zähne hinein, als es an der Haustür läutet.

„Tür ist offen!“, rufe ich, schütte Trockenfutter in Kater Carlos Fressnapf und mache ein Tütchen Katzenfutter auf. Ich inspiziere den Inhalt des Kühlschranks. Mein Magen knurrt. In der Schulmensa gab es heute Linsensuppe! Alleine bei dem Anblick ist mir der Appetit vergangen! Aber verdammt, hier sieht es ebenfalls trostlos aus. Um nicht zu sagen: extrem trostlos. Das einzige, was unsere Vorräte hergeben, ist ein Hauch von Nichts.

Mein bester Freund Rufus, wegen seiner Haare der Rote genannt, schlägt mir die Kühlschranktür vor der Nase zu, knallt Kuchencontainer und Einkaufskorb auf die Küchentheke. „Viele Grüße von Frevelchen. Sie hat mich eben vor eurem Haus abgefangen und wünscht guten Appetit und einen entspannten Nachmittag.“

Der verlockende Duft von frisch gebackenem Apfelkuchen weht mir um die Nase. Ich strahle: „Ist es das, was ich glaube?“

„Keine Ahnung, was du so glaubst, wenn der Tag lang ist, aber dein Vater hat unsere Haushälterin gebeten, dich zu füttern, solange er unterwegs ist. Er hat wohl …“

„Vergessen einzukaufen! Hab ich gerade gemerkt! Super, Danke! Frau Frevel und du seid meine Rettung!“

„Dito! Meine ebenfalls! Hmm, lecker wie immer“, schmatzt Agrippina, die sich bereits das zweite Stück Kuchen in den Rachen schiebt.

„Die Mädchen schließen noch die Räder ab. Mach dich auf was gefasst!“, grinst der Rote.

„Autsch!“ Angesichts des flauschigen Monstrums in Froschgrün und Pink, das mindestens drei Nummern zu groß ist, weiche ich entsetzt zurück und kneife die Augen zusammen. „Beißt der?“

„Nur, wenn man blöde Bemerkungen macht“, erwidert Heidi schnippisch. Ihre passend zum Outfit gefärbte neongrüne Augenbraue schnellt in Richtung Haaransatz.

Marie presst die Lippen zusammen, um nicht laut loszuprusten, während mein Kater fauchend den Schwanz einzieht und sich in die obere Etage verdrückt. – Dabei habe ich gelesen, dass Katzen nur Schwarz-Weiß sehen können. Schwachsinn.

Unsere halbe Jahrgangsstufe ist in Heidi verknallt, denn sie ist clever, witzig und verdammt hübsch. Außerdem hat sie immer eine gute Idee auf Lager. Aber mit ihrem Klamottentick geht sie uns echt auf die Nerven. Zwar sind manche ihrer Entwürfe ganz okay, aber das Teil, das ihr heute um den Körper schlottert, ist Geisterbahn-Deko pur.

„Ha, ha! Sehr witzig, David! Selten so gelacht!“ Die Ex-Kaiserin betrachtet mich wie ein lästiges Insekt.

Verflixt. Agrippinas Fähigkeit, meine Gedanken zu lesen, habe ich mal wieder völlig vergessen.

„Beachte die Blödmänner gar nicht. Unsere drei Mode-Analphabeten stellen damit nur ihre totale Ahnungslosigkeit unter Beweis! Das Pulloverkleid steht dir ausgezeichnet, Liebes. Wunderschöne Farben! – Wenn ihr ausgekichert habt, können wir vielleicht endlich anfangen?“ Sie schnippt einen Krümel in meine Richtung. „Der Kuchen war ja höchstens Vorspeise. Ich habe Kohldampf!“

„Sicher!“, erwidere ich friedfertig und decke den Tisch.

 

Währenddessen in der U-Bahn Station Neumarkt:

Schon wieder kribbelt die Kopfhaut. Durch die ungewohnt schwarzen Strähnen der Perücke mustert Giselle Paradiso angestrengt die Umstehenden: Ein junges Pärchen ist bei einem Straßenmusiker stehen geblieben, der sich an einer Rap-Version von 99 Luftballons versucht. Ein Mann mit Baseballcap und beigefarbener Jacke kniet neben dem Fahrkartenautomat, um sich die Schuhe zuzubinden. Eine beleibte Frau spielt an ihrem Handy herum, während ihr ebenso fetter Dackel an die Rolltreppe pinkelt. – Harmlose Passanten, stellt Giselle beruhigt fest. Niemand darunter, der ihr besondere Aufmerksamkeit schenkt.

Das Kribbeln muss an der Perücke liegen. Morgen am Set wird sie ein ernstes Wörtchen mit der Maskenbildnerin wechseln. Ihr so ein juckendes Billigteil anzudrehen! Was für eine Unverschämtheit! Dafür wird sie bezahlen! Giselles Pulsschlag beruhigt sich.

Lautlos fliegt eine Taube über ihren Kopf hinweg; streift die Perücke. Sie zuckt zusammen. Verdammt, heute ist wirklich nicht ihr Tag! Verdammte U-Bahn und verdammte Taxifahrer! Warum müssen die ausgerechnet heute streiken? Wütend stampft die Schauspielerin mit dem Fuß auf. Dann wendet sie ihre Aufmerksamkeit der Anzeigetafel zu und studiert die Zugfolge.

Linie 4 fährt ein.

Der Mann erhebt sich, klopft den Schmutz von den Knien seiner Jeans und schlängelt sich hinter Giselle in den zweiten Wagon. Die Bahn ist brechend voll. Im Gehen zieht er die beigefarbene Jacke aus, legt sie über den Arm. Er nimmt das Baseballcap ab und stopft ein paar Sonnenblumenkerne in den Mund, was ihm das Aussehen eines Hamsters verleiht.

Obwohl Giselle in die Richtung des Mannes blickt, und seine roten Haare sehr markant sind, erkennt sie ihn nicht wieder. Zwei Stationen später steigt sie aus und nimmt die Rolltreppe hinauf zum Friesenplatz.

Seit sie die Parfümerie verlassen hat, fühlt sie sich unwohl. Ihre Nerven flattern. Das überlegene Triumpfgefühl, das Prickeln, das sich sonst nach ihren Raubzügen einstellt, ist ausgeblieben. Sie fühlt sich betrogen, ist fahrig, gereizt.

Normalerweise feiert der Serienstar einen erfolgreichen Diebstahl mit Champagner in einer exklusiven Bar. Doch heute braucht sie etwas Hochprozentigeres. Zielstrebig steuert sie eine Kneipe an. An der Theke ordert sie einen doppelten Kräuterschnaps, den sie in einem Zug hinunterkippt. Sie tupft sich Schweißperlen von der Stirn, legt einen Geldschein auf den Tresen und tritt zurück auf die Straße.

 

Im Schatten der Alleebäume folgt ihr der Mann bis zu einem vierstöckigen Jugendstilhaus, dessen Fassade zartgelb gestrichen ist. Weiße Stuckverzierungen rahmen die Fenster ein und unterstreichen den eleganten Eindruck.

Nachdem Giselle die Haustür geöffnet und das Marmor-Treppenhaus betreten hat, reißt sie erleichtert die Perücke vom Kopf. Sie lehnt sich gegen die Wand, wuschelt durch die goldblonden Locken.

Klick. Klick. Klick.

Der Mann mit der beigefarbenen Jacke wischt ein paar Regentropfen vom Display seines Mobiltelefons. Dann begutachtet er die Fotos.

„Got it!“, flüstert er höhnisch, spuckt die Schale eines Sonnenblumenkerns auf den Bürgersteig und verstaut das Smartphone in der Jackentasche.

Ein heftiger Stoß gegen die Schulter bringt ihn aus dem Gleichgewicht.

„Wirst du wohl das Fräulein … in Ruhe lassen! Du, du …! Für welches miese Schmierblatt arbeitest du, hä?“, keift eine aufgebrachte Stimme in sein Ohr.

Verblüfft dreht sich der Mann um. „Pardon?“

„Pardon? Ich geb‘ dir gleich Pardon, du … du …! Du Paparazzo! Zieh Leine! Hau ab! Lass dich hier nie wieder blicken!“

Eine füllige Seniorin fuchtelt wütend mit einem tropfnassen Regenschirm vor seiner Nase herum, bevor sie Schwung holt. Schläge prasseln auf ihn ein und lassen sein linkes Auge binnen weniger Sekunden zuschwellen.

„Wenn ich dich noch einmal dabei erwische, dass du hinter ihr her spionierst, dann … dann mache ich …“ Sie tritt ihm mit voller Wucht gegen das Schienbein und lässt den Schirm erneut über ihrem Kopf kreisen. „Ich mach Hackfleisch aus dir! Zisch ab!“

Der Mann hält den Rucksack schützend vor sein Gesicht, stolpert. Stürzt in eine Pfütze. Rappelt sich auf, humpelt davon. Die Dicke brüllt Schimpfwörter hinter ihm her, die ihm die Schamröte ins Gesicht treiben.

Zwei Straßenecken weiter lehnt er sich stöhnend gegen eine Hauswand. Er sinkt zu Boden, während Tränen des Zorns über sein lädiertes Gesicht laufen.

„Auch dafür wirst du bezahlen, Giselle“, faucht er zähneknirschend ...